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Nach uns der Sinkflug

Fluglärm über Mülheim

Nach uns der Sinkflug Illustration: Raven Rusch
Nach uns der Sinkflug Illustration: Raven Rusch

von Francesco Aneto

Illustration: Raven Rusch

 

„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“ (Slogan der amerikanischen Umweltbewegung aus 

den 70er-Jahren)

 

Fliegen ist das neue Busfahren. Schnell mal im dunklen Winter nach Teneriffa zum chilligen Elektronikfestival düsen oder gleich mal übers Wochenende nach Dubai zum Luxusshoppen. Kurzflüge werden von den Billigfluglinien zu Spottpreisen angeboten, selbst Langstreckenflüge sind noch einigermaßen erschwinglich. Hinzu kommt das riesige Wachstum der Online-Bestellungen. Amazon sei Dank, kann jeder Wunsch von uns Konsumsüchtigen bereits am nächsten Tag erfüllt werden. Große Transportmaschinen karren noch in der Nacht die Warenberge an. Kein Wunder, dass der Flugverkehr in den letzten Jahren zum Leidwesen vieler lärmgeplagter Bürger*innen enorm zugenommen hat. 

 

Verheerende Folgen hat die Vielfliegerei für das Klima. Die Tickets sind billig, doch der Preis für alle ist hoch. Fliegen ist die energiereichste Art sich fortzubewegen. Der Anteil des Fliegens an der Klimaerwärmung beträgt fünf Prozent. Fliegen ist etwa fünf bis sechs Mal so klimaschädlich wie die Fahrt mit Bahn oder Bus. Selbst eine Reise mit dem Auto schneidet deutlich besser ab.  

 

Im Jahr 2016 wurden auf deutschen Flughäfen rund 201 Millionen Passagiere gezählt, im Jahr 2017 waren es etwa 213 Millionen. Der Köln-Bonner-Flughafen gehört mit knapp 13 Millionen Passagieren, etwa 140.000 Flugbewegungen und rund 867.000 Tonnen Fracht in 2018 zu den führenden deutschen Airports. Fast 30 Airlines fliegen von hier zu 129 Zielen.  Betont setzt das Unternehmen beim Passagierflug auf das „Low-Cost-Geschäft“. Bei der Fracht zählt man stolz zu den „Top 10“. Diese Spitzenplätze kann der Flughafen vor allem deshalb erreichen, weil er ein fast einmaliges Angebot hat: Nachtflüge sind nicht verboten, wie weltweit meist Standard (leider hinken auch einige andere deutsche Flughäfen hinterher).

 

Der nächtliche Fluglärm ist besonders belastend. Am Flughafen Köln/Bonn hat der nächtliche Fluglärm im vergangenen Jahr stark zugenommen. 2017 waren es 42.406 Nachtflüge in der Zeit zwischen 22 und 6 Uhr, fünf Prozent mehr als 2016 und 17 Prozent mehr als 2014. Lärm, insbesondere Nachtfluglärm, bedroht die Gesundheit. Viele wissenschaftliche Studien belegen, dass dieser ursächlich für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfällen, Bluthochdruck, koronare Herzleiden, Depressionen und Krebs ist. So sind allein im An- und Abflugbereich des Flughafens Köln/Bonn 120.000 Anwohner diesem erhöhten Krankheitsrisiko ausgesetzt, da sie – oft Nacht für Nacht – das 10- bis 30-fache des von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als gesundheitlich unbedenklich geltenden Lärmwertes ertragen müssen. Der Deutsche Ärztetag forderte im Mai 2012 einen umfassenden Schutz der Bevölkerung  vor Flug-
lärm, insbesondere den Schutz der Nachtruhe. Die Lärmgrenzwerte der Gesetze müssten aus Sicht der Ärzte deutlich nach unten korrigiert werden und sämtliche Regelungen eindeutig vorrangig den Schutz der Bevölkerung sichern und erst nachrangig die Wirtschaftlichkeit der Fluganbieter und Flughäfen. 

 

Diese Forderung verhalt weitgehend unbeachtet. Für die NRW-Landespolitik und die meisten Kölner Parteien ist die Wirtschaft immer schon wichtiger als der Gesundheitsschutz gewesen. Die Genehmigung für den Flughafen mit Nachflugregelung gilt noch bis 2030. Klagen haben daher leider wenig Aussicht auf Erfolg. Jüngst wollte der gescheiterte Kandidat für den CDU-Vorsitz und neue Chef des Aufsichtsrats des Flughafens diese Genehmigung sogar heute schon viele Jahre über 2030 hinaus verlängert wissen.

 

Für uns, die Mülheimer Bürger*innen, denen nachts die landenden Flugzeuge im Ohr rauschen und brummen, kommt dies überhaupt nicht in Frage. Wir fordern unser grundgesetzlich verbrieftes Recht auf Gesundheit ein. Wenigstens müssen die Maschinen umgehend weiter verstärkt gedämpft, der Nachtflug auf ein Minium begrenzt und die vorgesehenen Flugrouten regelmäßiger gewechselt und auch eingehalten werden. Weiter auf dem Plan steht: Einführung einer Kerosinsteuer und natürlich nicht zuletzt die Änderung unserer zerstörerischen Konsumhaltung. Für alle muss gelten: Nach uns die Zukunft (eine noch lebenswerte) und nicht die Sintflut.

 

Lärmschutzgemeinschaft Köln/Bonn e. V.:

www.fluglaerm-koeln-bonn.de 

Flugaufkommen 

Flughafen Köln Bonn 2017 

 

42.406 Nachtflüge in der Zeit 

zwischen 22 und 6 Uhr 

 

5 Prozent mehr als 2016 und 

17 Prozent mehr als 2014


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